Was steckt dahinter?

INTERFACE NACHBAR 

Sicherlich gibt es momentan keinen zweiten Grazer Stadtbereich, der solch einer rasanten und großflächigen Transformation unterliegt wie das Gebiet rund um die FH JOANNEUM in Eggenberg. Zentral gelegen zwischen der SMART CITY und den Neubauquartieren auf den Reinighausgründen arbeiten die Studierenden und MitarbeiterInnen der Fachhochschule und bekommen die täglichen Veränderungen hautnah mit. Gestern stand da noch ein Baum, heute ist er weg. Auf ehemaligen Gstetten entstehen dichte und hohe Wohnkomplexe. Ehemalige Trampelpfade sind nun verbaut. Ausweichwege werden erkundet und genutzt, bis die Eigentümer Tore mit Zugangsbeschränkung anbringen. Der Zebrastreifen vor dem Haus ist verschwunden. Es wird auch kein neuer kommen, weil die Straßenbahntrasse das in Zukunft nicht mehr zulässt. Man sieht und staunt und fühlt sich der Situation ausgesetzt. 

Neue Schnittstellen, sowohl städtebauliche als auch soziale entstehen. Siedlungen von Einfamilienhäuschen grenzen an Blöcke von Wohnhochhäuser, ärmliche Vorstadthäuschen an Anlegerbauten, bürgerliche Villen an Supermärkte, nach wie vor bestehende Industrieareale an einen wachsenden Hochschulstandort. Wie geht es diesen neuen Nachbarschaften miteinander? Und wer sind unsere „neuen Nachbarn“? Und wie können wir mit ihnen in Kontakt treten? 

Mit den Mitteln von Design haben wir diesen Versuch unternommen. Als Institut für Design und Kommunikation sollten wir schließlich gute Voraussetzung für eine Annäherung haben.  

Aber wir haben uns nicht auf unsere diesbezüglichen Fähigkeiten alleine verlassen, sondern auch das Stadtteilbüro EggenLend als Kooperationspartner gewinnen können.  

In einer ersten Phase ab März 2020 begann eine Recherche über EggenLend, denn wir wollten zuerst einmal das Gebiet, seine BewohnerInnen und seine Geschichte kennen, bevor wir tatsächlich im öffentlichen Raum aktiv werden.  Einige Wochen lief das sehr gut, doch dann kam Corona. Sicherlich waren Online-Recherchen möglich und wurden auch weiterhin betrieben. Persönliche Gespräche auf der Straße, in Geschäften oder im Stadtteilbüro waren es nicht mehr. So blieb uns nichts anderes übrig als die Ergebnisse der Studierenden des Studiengangs Ausstellungsdesign zu bearbeiten und auf der projekteigenen Webpage festzuhalten und auf bessere Zeiten zu hoffen. Im darauf folgenden Sommersemester 21 starteten wir wieder mit einer neuen Gruppe von Studierenden, die neue Themen für ihre Recherche wählten. So entstand ein großer Pool an Wissen zu Grünräumen, der Verkehrsvernetzung, des Wählerverhaltens, der demografischen Zusammensetzung, der subjektiv schönsten und hässlichsten Orte, der Geschichte großer und kleinerer Wirtschaftsbetriebe und vieles mehr.  

Um dieses Wissen mit unseren neuen NachbarInnen zu teilen wurden drei mobile Stände entwickelt und gebaut, die zugleich eine Anlaufstelle sowohl für einen persönlichen Austausch, als auch eine mobile Ausstellung waren. Zudem wurden sie so konzipiert, dass man Tischtennis, Schach oder Schiffchen versenken spielen, oder gemeinsam kochen kann.  

Die ursprünglich angedachten gemeinsamen Aktionen wie Yoga auf der Straße oder Erkundungen mit den BewohnerInnen fielen leider Corona zum Opfer. Dennoch kamen während der 24 Einzelaktionen und Ausstellungen an acht unterschiedlichen Standorten zahlreiche Gespräche mit kleineren Gruppen oder Einzelpersonen zustande. Betreut wurden die Stände jeweils von einer Zweiergruppe, bestehend aus einer Studierenden aus dem Bereich Ausstellungsdesign für die Vermittlung der Inhalte und einer ExpertIn aus dem Bereich Soziales. Die Ergebnisse der zahlreichen Gespräche wurden festgehalten und ausgewertet. Dies stellt im Übrigen auch eine gute Ausgangslage für weitere Projekte dar.  

Auch wenn einiges nicht so umgesetzt werden konnte, wie ursprünglich geplant, war die Arbeit an INTERFACE NACHBAR eine Bereicherung für uns. Nicht nur kennen wir unsere Nachbarschaft nun besser, es sind auch mobile Stände entstanden, die wir im Sinne eines nachhaltig ausgerichteten Ausstellungsdesignstudiums auch in Zukunft nutzen können. Einer der mobilen Stände wird einen festen Platz im Stadtteilbüro EggenLend bekommen. Die beiden anderen werden sicherlich in nächster Zukunft an der einen oder anderen Stelle im Grazer Stadtraum in Erscheinung treten.  

Anke Strittmatter und Erika Thümmel 

Graz, im September 2021