Heinz Baumann

Versteckte und sichtbare soziale Praktiken in Eggenberg / EggenLend

Gemeinsam mit Studierenden und Lehrenden der FH JOANNEUM aus dem Bereich Ausstellungsdesign erkundeten wir im April 2021 die nähere Umgebung der Fachhochschule, ausgehend vom Standort Alte Poststraße in Richtung Westen. Bevor wir die einzelnen Stationen beschreiben möchte ich etwas Grundlegendes zum sogenannten „Sozialen“ sagen. Wir können den Begriff des „Sozialen“ von mehreren Seiten beleuchten. Erstens von der Seite der sozioökonomischen Grundsicherung, die materielle Absicherung und Möglichkeit am Leben teilzunehmen. Dazu gehören Einkommen durch Arbeit, Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, der Sozialhilfe, der Mindestsicherung und/oder der Behindertenhilfe. Zweitens hat die Wohnversorgung als Grundrecht eine zentrale Bedeutung für die psychosoziale Situation von Menschen, die weit über den Begriff „ein Dach über dem Kopf“ zu haben geht. Und drittens näheren wir uns dem „Sozialen“ durch Kontakte, Begegnungen und Nutzungen im und des öffentlichen und halböffentlichen Raumes. Im Umkreis von wenigen Schritten (Gehzeit 10 Minuten) erörterten wir folgende öffentliche und halböffentliche „Institutionen“.

Nach dem ersten Stopp in der Neubausiedlung mit vielen Wohnungen und „Neueggenberger:innen“ richtete sich der Blick auf eine Heimgartenanlage und auf die Fachhochschule. Hier konnten wir nur mutmaßen wer in diesen neuen Wohnungen lebt, eine „rot-weiß-rote“ Fahne führte uns gleich zur Diskussion über Nationalismus und Patriotismus. Übrigens finden sich unterschiedliche Flaggen im Bereich der Heimgartenanlage, die uns nicht so sehr beschäftigten. Eine Brache zwischen Neubausiedlung und Hofer bot die Möglichkeit über Freiräume und ihre Nutzungen nachzudenken. Neben Fragen, die sich mit Ästhetik und Raum beschäftigten tauchten Gedanken über eben diese Nutzungsmöglichkeiten auf, die zu fantasievollen Ergebnissen, vom gepflegten Park, einem Plastikschwimmbad bis zum öffentlichen Partyraum, von der Nutzung für einen sozialen Wohnbau bis zum Kunstraum oder als Nutzgarten führten. Jedenfalls notwendig dabei wäre eine Aushandlung, ein Nutzungskonzept und eine notwendige Abstimmung mit den Notwendigkeiten dieses Viertels.

Der Gemeindepark, mäßig gepflegt und mittelmäßig genutzt liegt im Herzen von Eggenberg. Zentral in diesem Park ist ein Kriegerdenkmal, das der gefallenen Eggenberger des ersten und zweiten Weltkrieges gedenkt. Drei Bänke waren mit „sozial auffälligen“ Personen besetzt, die am frühen Vormittag bereits Alkohol konsumieren. Dies scheint eine Abweichung zum sozial erwünschten Trinken ab dem Nachmittag oder im Privaten zu sein. In kurzen Gesprächen mit einigen Nutzer:innen dieses Parks wurde auch die Konfliktlage beschrieben. Diese Gruppe ist jeden Tag im Park und nutzt ihn vor allem am Vormittag. Am Nachmittag und am frühen Abend wird die Parkanlage von „ausländischen“ Personen genutzt, die auch für den Müll verantwortlich sind, der sich im Laufe des Tages ansammelt. Einen direkten Kontakt gibt es mit den anderen Besucher:innen des Parks nicht. Es gibt eine unausgesprochene zeitliche Nutzungsvereinbarung.  Am Abend und in der Nacht ist dieser Park fast ungenutzt. Vielleicht ist dies der einzige unkontrollierte Freiraum, der sich in Eggenberg bietet und sichtbar macht, dass hier unterschiedliche Personengruppen leben. In unmittelbarer Nähe zum Park gibt es 2 Kindergärten bzw. Kinderkrippen. Einer davon ist im ursprünglich als Tröpferlbad genutzten Gebäude untergebracht und grenzt an ein Kinderschwimmbad, das im Sommer den Eggenberger Familien kostenfrei zur Verfügung steht. Der zweite Kindergarten befindet sich gegenüber der Straße. Ihn zeichnet ein alternatives Konzept der Kinderbildung und -betreuung aus. Kinderbildung und -betreuung sind wichtige Bestandteile des sozialen Zusammenlebens, nicht nur in Eggenberg. Eine große Anzahl von sozialen Initiativen und Vereinen bieten unterschiedlichen Zielgruppen Hilfen an. Neben dem städtischen Jugendamt finden sich in unmittelbarer Nähe, der Verein „Selbstbestimmt Leben Steiermark“, das Projekt Jugendcoaching der ÖSB, die Beratungsstelle der „Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit“, das VinziTel, Notschlafstelle für Obdachlose und das AIS-Jugendservice, eine Betreuungseinrichtung für Jugendliche, die mobile und stationäre Hilfen anbietet.

Eggenberg ist ein bunter Bezirk, in dem sich die Transformation der Gesellschaft gut ablesen lässt. Die sozialen Brennpunkte sind überschaubar und stellen keine „Bedrohung“ dar. Wie die soziale Entwicklung nach Inbetriebnahme des Stadtteils Reininghaus aussehen wird, bleibt spannend. Noch nie hat sich ein Grazer Bezirk in so kurzer Zeit so gewandelt. Welche Auswirkungen dies auf das Zusammenleben hat, wird sich zeigen.

Der Abschluss der Begehung fand an einem zentralen Ort statt, der die politische Komponente des „Sozialen“ auf den Punkt bringt. Vor dem ÖGB-Haus befindet sich die Gedenkstätte der Widerstandskämpfer:innen gegen den Nationalismus. Der Kampf gegen den Faschismus ist die Grundlage für ein soziales und gerechtes Zusammenleben und somit die Basis für das sogenannte „Soziale“. Solange das Gedenken an dunkle Zeiten öffentlich sichtbar bleibt, mache ich mir keine großen Sorgen in Bezug auf die soziale Entwicklung des Bezirkes Eggenberg. Zusammenhalt und Aushandlungen müssen weiter gefördert und initiiert werden und stellen die Grundlage für ein soziales und friedliches Miteinander dar.